Matteo Padovan verfügt über umfassende Managementerfahrung in der Glasindustrie und bringt zugleich den internationalen Blick mit, den ihm die enge Zusammenarbeit mit Märkten weltweit vermittelt hat. In seiner neuen Funktion legt er den Schwerpunkt auf Innovation und auf die Fähigkeit der gesamten Branche, den laufenden Wandel aktiv zu gestalten.
GW: Welche Verantwortung sehen Sie als Vizepräsidenten des GIMAV?
Padovan: Vor allem eine Verantwortung gegenüber unseren Mitgliedsunternehmen. Der GIMAV Verband steht für eine außergewöhnliche Wertschöpfungskette, die wesentlich dazu beigetragen hat, Italien weltweit zu einer Referenzgröße im Bereich Glas zu machen.
Mein Anliegen ist es, den Bedürfnissen der Unternehmen zuzuhören und sie in konkrete Initiativen zu übersetzen, die den Sektor wachsen und wettbewerbsfähiger werden lassen. Wenn die Mitgliedsunternehmen des GIMAV am Ende meiner Amtszeit als nützlicher, zugänglicher und einflussreicher wahrnehmen, habe ich mein Ziel erreicht.
GW: Wie wollen Sie den Dialog mit den Mitgliedern vertiefen?
Padovan: Ich bin überzeugt, dass die Aufgabe eines Verbandes vor allem im Zuhören besteht. Allzu häufig sind Unternehmen so stark im Tagesgeschäft eingebunden, dass sie keine Zeit finden, ihre Anliegen zu formulieren. Ich möchte einen noch direkteren und kontinuierlicheren Austausch mit den Mitgliedern aufbauen, denn die Prioritäten der GIMAV müssen aus den Unternehmen selbst heraus entstehen. Nur so können wir wirklich etwas bewirken.
GIMAV
GW: Was sind die drei zentralen Prioritäten Ihrer Amtszeit?
Padovan: Die erste besteht darin, die Lieferkette noch konsequenter als ein zusammenhängendes System zu begreifen. Wir sprechen oft über Maschinen, Zubehör, Software oder Glasverarbeitung als getrennte Welten – dabei liegt die eigentliche Stärke der italienischen Industrie gerade darin, unterschiedliche Kompetenzen zusammenzuführen.
Die zweite ist, Innovation zu beschleunigen. Technologien entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit, und wir müssen gerade kleinere Unternehmen dabei unterstützen, Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz pragmatisch und ergebnisorientiert anzugehen.
Die dritte ist, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Mitgliedsunternehmen in einem zunehmend anspruchsvollen Umfeld zu stärken. Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und neue regulatorische Anforderungen dürfen nicht als Belastung verstanden werden, sondern als Hebel, um Wert zu schaffen und die internationale Führungsrolle Italiens zu festigen.
GW: Sie haben große internationale Erfahrung, was bringt das für den Verband?
Padovan: Da ich tagtäglich mit Kunden und Märkten rund um den Globus zu tun habe, kann ich aus nächster Nähe verfolgen, wie sich die Anforderungen der Branche verändern. Diese internationale Perspektive hilft dabei, Chancen frühzeitig zu erkennen, Trends zu antizipieren und zu verstehen, wohin sich der Markt entwickelt. Ich bin überzeugt, dass der GIMAV die Unternehmen ermutigen muss, über die eigenen Grenzen hinauszublicken – ohne dabei die Identität und Exzellenz des „Made in Italy" preiszugeben.
GW: Auf welche Märkte willl sich der Verband besonders konzentrieren?
Padovan: Europa und Nordamerika bleiben zentrale Märkte. Zugleich sehe ich heute großes Potenzial in Indien, Nordafrika, Südostasien und im Nahen Osten, wo die Nachfrage nach fortschrittlichen Glastechnologien weiter zunimmt. Grundsätzlich geht es aus meiner Sicht nicht darum, sich auf einen einzelnen Markt festzulegen, sondern Unternehmen dabei zu unterstützen, sich breiter aufzustellen und international präsenter zu werden.
GW: Welche Rolle kann der GIMAV spielen, um Unternehmen beim Übergang zu EPDs, zur europäischen Taxonomie und zum digitalen Produktpass zu begleiten?
Padovan: Viele Unternehmen – insbesondere KMU – stehen aktuell einer wachsenden Zahl regulatorischer und dokumentarischer Anforderungen gegenüber. Die Gefahr besteht darin, diese Themen vor allem als Kostenfaktor oder bürokratische Pflicht wahrzunehmen. Ich bin jedoch überzeugt, dass der GIMAV den Unternehmen helfen sollte, deren strategischen Wert zu erkennen – mit praxistauglichen Werkzeugen, Schulungen und Gelegenheiten zum fachlichen Austausch. Kein Unternehmen sollte diese Herausforderungen allein bewältigen müssen.
GIMAV
GW: Ist die italienische Branche bereit für die digitale Transformation und für künstliche Intelligenz?
Padovan: Manche Unternehmen sind bereits sehr weit, andere stehen erst am Anfang. Das ist eine ganz normale Entwicklung. Was ich beobachte, ist die ausgeprägte Innovationskraft, die unseren Sektor seit jeher auszeichnet. Künstliche Intelligenz, Datenanalyse und Automatisierung sind längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern Werkzeuge, die unsere Arbeitsweise bereits verändern. Der GIMAV kann seinen Mitgliedern dabei helfen zu beurteilen, welche dieser Möglichkeiten tatsächlich zu ihrem Geschäftsmodell passen, damit diese Technologien nicht bloße Diskussionsthemen bleiben.
GW: Wie stellen Sie sich die Entwicklung der Vitrum-Messe in den kommenden Jahren vor?
Padovan: Ich bin überzeugt, dass die Vitrum weit mehr sein sollte als eine Fachmesse. Sie muss der Ort werden, an dem die Zukunft der Glasindustrie entworfen wird. Über Jahre hinweg hat sich die Branche in verschiedenen Segmenten, Technologien und Märkten entwickelt, die vielfach parallele Wege gingen und mitunter sogar miteinander konkurrierten. Die großen Herausforderungen von heute verlangen jedoch nach einem anderen Ansatz. Innovation entsteht immer häufiger aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Kompetenzen, Technologien und Visionen. Deshalb sehe ich eine Vitrum vor mir, die zum zentralen Treffpunkt der gesamten globalen Glass Economy werden kann. Ein Ort, an dem Hersteller von Maschinen, Materialien, Software, Automatisierungslösungen, Flach- und Hohlglas sowie Vertreter aus Bauwesen, Automobilindustrie, Energie und Design nicht als getrennte Welten auftreten, sondern als Teile eines gemeinsamen Ökosystems.
GIMAV
GW: Welche Chancen sehen Sie hier?
Padovan: Technologien, die wir heute als Wettbewerber oder als Teil unterschiedlicher Märkte betrachten, könnten künftig komplementär wirken und Innovationen hervorbringen, die kein einzelner Akteur allein entwickeln könnte. Mein Wunsch ist, dass die Vitrum zum Treffpunkt nicht nur der heutigen Hauptakteure wird, sondern vor allem derjenigen, die die Zukunft des Glases gestalten. Wenn es gelingt, diese internationale Plattform für Dialog und Innovation zu schaffen, wird die Vitrum nicht nur eine bedeutende italienische Messe sein, sondern einer der globalen Bezugspunkte der gesamten Glasindustrie. Die Vitrum darf nicht der Ort sein, an dem die Branche zurückblickt auf das, was sie in den vergangenen zwei Jahren erreicht hat – sondern der Ort, an dem sie entwirft, was sie in den nächsten zehn Jahren erreichen will.
GW: Wird die Wettbewerbsfähigkeit Italiens künftig stärker davon abhängen, die gesamte Lieferkette gemeinsam zu gestalten?
Padovan: Davon bin ich fest überzeugt. Innovation entsteht heute nur noch selten aus einem einzelnen Produkt. Kunden erwarten ganzheitliche Lösungen, in denen Maschinen, Materialien, Software und Prozesse nahtlos zusammenspielen. Eine der großen Stärken der italienischen Glasindustrie liegt genau in dieser exzellenten und hochspezialisierten Lieferkette. Wenn wir unsere Zusammenarbeit weiter ausbauen, können wir dem Markt einen Mehrwert bieten, den nur wenige andere Länder in dieser Form erzeugen können.
Heute mehr denn je bin ich überzeugt: Zusammenarbeit ist ein strategischer Faktor.
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