Die Baubranche zählt zu den größten Ressourcenverbrauchern in Deutschland. Gleichzeitig steckt in Bestandsgebäuden ein großes Potenzial, wertvolle Rohstoffe durch sogenannte R-Strategien länger im Kreislauf zu halten. Hier setzt das Verbundprojekt „Gladir“ unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) an: Der Einsatz digitaler Technologien soll Wiederverwendung (Reuse), Wiederaufarbeitung (Remanufacturing) und hochwertiges Recycling von Bestandsgläsern im Bauwesen (sogenanntes Flat-to-Flat-Recycling) steigern. Dazu soll auch die Entwicklung innovativer Fenster- und Fassadensysteme beitragen.
Pro Jahr werden in Deutschland rund 1.670.000 t Flachglas für Gebäudeanwendungen produziert, wobei die Herstellung von 1 m² Glas ca. 500 kg CO₂ verursacht. Gleichzeitig fallen aus Modernisierung und Rückbau rund 350.000 t Flachglas an (Post-Consumer-Glas), das vorwiegend zum „Downcycling“, z. B. für Behälterglas, Glastextilien oder Schüttgut für den Straßenbau genutzt oder aber entsorgt wird.
Matthias Rehberger
Datenbasierte Bewertung von Bestandsgläsern
Ziel des Verbundprojekts ist es, Glas aus dem Gebäudebestand datenbasiert, effizient und in größerem Umfang im Kreislauf zu führen. „Digitale Methoden sind der Schlüssel, um Zustand und Potenziale von Bestandsglas deutlich besser zu bewerten und fundierte Entscheidungen für die Wiederverwendung oder das Recycling von hochwertigen Scherben zu treffen“, so Dr.-Ing. Frank Ensslen, Projektleiter am Fraunhofer ISE, zur methodischen Ausrichtung des Projekts.
Auf diesem Weg soll nach einer ersten Anlaufphase ein Marktpotenzial von schätzungsweise 16.700 t Reuse-/Remanufacturing-Glas jährlich erreicht werden, was einem Prozent der Flachglas-Jahresproduktion entspricht. Des Weiteren sollen ca. 45.000 t jährlich zusätzlich an Scherben gewonnen werden, die der Floatglas-Schmelze wieder zugeführt werden können. Die Flat-to-Flat-Recyclingquote von Bestandsgläsern würde damit um 80 Prozent erhöht.
Mobile Zerlegeanlage von Glasscheiben als Basis
Als Beitrag zu den R-Strategien „Rethink“ und „Reduce“ entwickelt „Gladir“ zirkuläre Fenster- und Fassadensysteme (Design for Disassembly) sowie Lösungen zur digitalen Erfassung von Materialeigenschaften und zur KI-basierten Defekterkennung gebrauchter Gläser. Eine mobile Anlage zur Zerlegung von Isoliergläsern auf der Baustelle soll effizientere Abläufe für das Remanufacturing oder das Flat-to-Flat-Recycling schaffen.
Das Fraunhofer ISE bringt seine Kompetenzen bei der Verwendung von Glas als konstruktivem Werkstoff, im Bereich physik-informierter KI-Modelle, in der Ökobilanzierung und im Datenmanagement ein. Im Rahmen des Projekts soll ein eigenes Datenverwaltungssystem entwickelt werden, um standardisierte Datenformate und Schnittstellen für die Rückverfolgbarkeit von Glasscheiben zu schaffen. Dies soll auch die Einbindung in Planungs- und Verarbeitungsprozesse ermöglichen. Zudem sind Konzepte für die Zwischenlagerung der wiederverwendbaren Gläser und digitale Vermarktungsplätze vorgesehen.
Das „Gladir“Projekt läuft noch bis Mai 2029 und wird im Rahmen des 8. Energieforschungsprogramms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert.
Die beteiligten Projekt-Partner
Weitere Projektbeteiligte sind die
Hegla-Hanic (www.hegla-hanic.com),
Hegla (www.hegla.de),
Priedemann Fassadenberatung (www.priedemann.net),
Contura Ingenieure (www.contura-ingenieure.de) und
Concular (www.concular.de).
Assoziierter Partner ist
Viprotron (www.viprotron.de).
KI generiertes Bild
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